Tourexpi
Wo der boreale Wald in die Tundra übergeht, schmiegt sich dreiundzwanzig Kilometer östlich von Churchill ein langgestrecktes Gebäude in die Landschaft – als hätte es jemand absichtlich so gebaut, dass der Wind es übersieht. Draußen riecht es nach Salz und dem Wasser der Hudson Bay. Drinnen duftet es nach Kaffee, jemand tippt Daten in einen Laptop, ein paar Reisende ziehen ihre Parkas über. Gleich geht es hinaus zu einer Fahrt durch die Tundra im Komatik – einem traditionellen Schlitten der Inuit, der heutzutage von einem Snowmobil gezogen wird. Willkommen im Churchill Northern Studies Centre (CNSC), der einzigen unabhängigen Forschungsstation ihrer Art in Kanada. In diesem Jahr feiert sie ihren fünfzigsten Geburtstag – fünfzig Jahre Wissenschaft, Lernen und Leben am Rande der Arktis.
Ihre Anfänge gehen auf das Jahr 1976 zurück, als sich Bewohner Churchills, Forschende und Vertreter der Regierung zusammenfanden, um an diesem Ort einen Rahmen für Wissenschaft und Bildung im hohen Norden zu schaffen. Der Boden, auf dem die Station heute steht, hat allerdings noch eine ältere Geschichte: Hier lag einst die Churchill Rocket Research Range. Zwischen den 1950er und 1970er Jahren stiegen von hier aus suborbitale Forschungsraketen in die hohe Atmosphäre – heute ist die Anlage eine National Historic Site of Canada. Die Neugier auf das, was über uns und um uns herum geschieht, ist geblieben. Statt der Raketen sind heute Wildkameras, GPS-Sender und Klimasensoren im Einsatz.
In fünf Jahrzehnten hat das Churchill Northern Studies Centre mehr als 300 Forschungsprojekte begleitet. Die Station stellt nicht nur Logistik und Räume vor Ort, sondern unterstützt auch bei den Projektkosten: Über den Northern Research Fund wird Forschenden ein Teil ihrer Kosten als Sachleistung erstattet – etwa Unterkunft, Verpflegung oder Fahrzeuge aus dem CNSC-Fuhrpark. Die Forschungsthemen lesen sich wie eine kleine Enzyklopädie der Subarktis: Eisbärenökologie, Klimawandel, Archäologie, Permafrost und Verschiebung der Baumgrenze, Schneedeckenforschung, marine Ökosysteme, indigene Studien. Pro Jahr nutzen 100 bis 175 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das CNSC – mit Laborflächen, Fahrzeugen, Equipment und festem Forschungsteam inklusive.
Eine Forschungsstation für die Wissenschaft
Wenige Forschungsstationen weltweit dürfen sich rühmen, an einer solchen ökologischen Schnittstelle zu liegen. Direkt vor der Tür treffen drei große Lebensräume aufeinander: das marine Ökosystem der Hudson Bay, der nördliche Borealwald und die offene subarktische Tundra. Im Osten liegt der Wapusk National Park, der eines der größten Geburtshöhlengebiete der Eisbären weltweit schützt, und weiter südlich erstreckt sich das Hudson Bay Lowland, das größte Moorgebiet Nordamerikas.
Auch das Gebäude selbst hat Charakter. Der heutige Bau wurde im Juni 2011 vom Büro Prairie Architects entworfen – seine Form ist einem Bombardier Snow Bus aus den 1950er Jahren der Arktis nachempfunden: schlank, lang, fast aerodynamisch. Die Ausrichtung ist alles andere als Zufall: Die Nordwestwinde tragen Schneeverwehungen so an den Wänden vorbei, dass der Blick frei bleibt – wichtig dort, wo schon mal ein Eisbär den Weg kreuzt. Die Station ist LEED-Silver-zertifiziert, d.h. nach einem international anerkannten Standard für nachhaltiges Bauen ausgezeichnet. Kompostierung und Biofiltration des Abwassers gehören hier zum Alltag.
Learning Vacations: Reisen heißt Mitmachen
Was das Churchill Northern Studies Centre unter Kanadas Forschungsstationen so besonders macht? Es bleibt kein elitärer Wissenschaftsclub, sondern öffnet seine Türen auch für neugierige Reisende. Im Rahmen sogenannter Learning Vacations darf jeder mit anpacken – die Programminhalte folgen den Jahreszeiten und tragen Namen, die Lust auf mehr machen: Winter Skies verspricht sechs Tage unter dem Polarlicht, Spring's Wings fünf Tage Birdwatching zur großen Zeit des Vogelzugs, Belugas in the Bay sechs Tage zwischen tausenden Belugawalen, die sich im Sommer in der Flussmündung des Churchill River versammeln. Und im Herbst, wenn die Eisbären auf das Zufrieren der Hudson Bay warten, beginnt die Saison von Lords of the Arctic.
Tagsüber geht es nach draußen: geführte Exkursionen, Tierbeobachtungen, lange Wanderungen. Die Abende gehören dem Lernen – im Klassenraum oder oben im beheizten Rooftop-Dome, immer mit Forschenden und Pädagogen, die ihr Wissen weitergeben möchten. Geschlafen wird in einfachen Schlafräumen, gegessen in der Gemeinschaftsküche – das erinnert mehr an ein Forschungscamp als an ein Hotel, und genau das ist der Reiz. Wer noch tiefer eintauchen möchte, kann sich für das dreiwöchige Volunteer-Programm bewerben: 36 Stunden Mitarbeit pro Woche, dafür Unterkunft, Verpflegung und eine kostenlose Exkursion.
Vom Ort für Forschung zum Anker der Community
Nachhaltigkeit ist im Churchill Northern Studies Centre kein Schlagwort fürs Marketing, sondern gelebte Praxis. Angefangen hat es im Frühjahr 2017, als eine Überschwemmung Churchills einzige Bahnverbindung in den Süden für achtzehn Monate unterbrach. Frisches Gemüse wurde knapp, die Preise schossen in die Höhe. Die Antwort des CNSC war so pragmatisch wie elegant: ein hydroponischer Growcer-Container, der erste seiner Art in Kanada. Rocket Greens war geboren – ein Name mit Augenzwinkern, der doppelt funktioniert: als Verbeugung vor der alten Rocket Range und als kleines Wortspiel, denn ‚rocket‘ bedeutet im Englischen auch Rucola. Heute werden hier Woche für Woche mehrere Hundert Portionen Salat, Blattgemüse und Kräuter geerntet und über das Abosystem Launch Box an Haushalte, Supermärkte, Restaurants und die Cafeteria des Krankenhauses geliefert. Das Projekt Nourish the North fördert dabei Launch-Box-Abos für Haushalte, die sich frisches Gemüse sonst nicht leisten könnten.
Hinzu kommt ein industrielles Kompostierungsprogramm, das jährlich große Mengen an Bioabfall vor der lokalen Mülldeponie bewahrt. Ganz nebenbei zeigt das CNSC damit, was eine Forschungsstation alles sein kann: nicht nur ein Ort der Daten, sondern auch ein Anker für die Community vor Ort.
Zum 50-jährigen Jubiläum hat das Churchill Northern Studies Centre einen Spendenaufruf gestartet, um die Arbeit der letzten fünfzig Jahre zu honorieren und gleichzeitig in die nächsten fünfzig Jahre zu investieren – über den General Fund, den Northern Research Fund oder ganz einfach mit der Buchung einer Learning Vacation.
Ein halbes Jahrhundert nach Gründung des CNSC sind die Raketen längst Geschichte. Geblieben ist, an dieser windumtosten Küste der Hudson Bay, etwas Stilleres und Nützlicheres: ein Ort, an dem Wissenschaft, Reisen und Community immer wieder neue Wege finden, sich ein Dach am Rande der Arktis zu teilen.
Weitere Informationen über Manitoba und das Churchill Northern Studies Centre gibt es unter www.travelmanitoba.com und www.churchillscience.ca.
Bildnachweis: © Travel Manitoba
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