Tourexpi
Die
Raiffeisen Touristik Group (RTG) konkretisiert ihre neue KI- und
Smart-Data-Strategie mit einem eigenen Future Lab. Der Entwicklungs- und
Experimentierraum soll neue Technologien nicht losgelöst vom touristischen
Alltag erproben, sondern konkrete Probleme aus Reisebüros und Unternehmen der
Gruppe aufgreifen und daraus praxistaugliche Lösungen entwickeln.
Dabei
dreht die RTG den üblichen Innovationsprozess bewusst um. Ausgangspunkt soll
nicht eine neue Technologie sein, für die anschließend eine Anwendung gesucht
wird. Stattdessen stehen konkrete Herausforderungen des Vertriebs am Anfang:
fehlende Zeit für die Reaktivierung von Kunden, eingeschränkte telefonische
Erreichbarkeit, aufwendige Routinearbeiten oder die Betreuung nach einer
Reisebuchung. Erst danach wird geprüft, ob und wie künstliche Intelligenz einen
sinnvollen Beitrag leisten kann.
Vom
Problem zum Prototyp
Aus
geeigneten Anwendungsfällen entwickelt das Future Lab zunächst Prototypen, die
anschließend unter realen Bedingungen getestet werden. Erfahrungen aus dem
praktischen Einsatz fließen wiederum in die Weiterentwicklung ein. Bewährt sich
eine Lösung, kann sie in bestehende Plattformen und Prozesse der RTG übernommen
und anschließend in größerem Maßstab eingesetzt werden.
Rainer
Gnyp, fachlicher Leiter des Future Labs und Bereichsleiter meinReisebüro24,
betont, dass technologischer Fortschritt für die RTG an einem konkreten Nutzen
gemessen werde. Neue Lösungen müssten Reisebüros im Alltag helfen, Prozesse
vereinfachen und Freiräume schaffen. Entscheidend sei deshalb nicht die
Technologie selbst, sondern zunächst das zu lösende Problem.
Das
Entwicklungsprinzip fasst die RTG unter „Build. Break. Repeat.“ zusammen.
Anwendungen werden entwickelt, gezielt auf ihre Grenzen getestet und anhand der
dabei gewonnenen Erkenntnisse verbessert.
KI-Erfahrung
reicht bei RTG bis 2022 zurück
Das
Future Lab beginnt dabei nicht bei null. Die Gruppe beschäftigt sich bereits
seit mehreren Jahren mit künstlicher Intelligenz. Mit dem digitalen Mitarbeiter
TONI sind seit Mai 2022 erste KI-basierte Anwendungen produktiv im Einsatz.
Gnyp
sieht gerade in dieser Erfahrung einen wichtigen Faktor. Ein Vorsprung bei
künstlicher Intelligenz entstehe durch die über längere Zeit aufgebaute
Lernkurve und lasse sich nicht kurzfristig einkaufen.
Zusätzliche
Expertise bringt Alexander Mirschel ein. Der KI-Experte begleitet die
Geschäftsführung als externer Berater bei strategischen Fragen und unterstützt
das Future Lab bei der Integration von KI-Anwendungen in zentrale
Geschäftsprozesse.
TONI
soll Kundenkontakte automatisiert unterstützen
Mehrere
Anwendungen zeigen bereits, wie die Strategie im Reisebüroalltag funktionieren
soll. TONI Magic-Mail analysiert in Verbindung mit UI.Office vorhandene
Kundendaten und identifiziert Kunden, deren bisheriges Buchungsverhalten sie
für eine erneute Reiseansprache interessant macht. Anschließend können passende
Angebote im Namen des Reisebüros automatisiert verschickt werden.
TONI
Concierge setzt nach erfolgter Buchung an. Das System begleitet Kunden bis zum
Reisebeginn und kann zu geeigneten Zeitpunkten Informationen oder zusätzliche
Leistungen anbieten. Damit soll das Reisebüro auch in der Zeit zwischen Verkauf
und Abreise im Kontakt mit dem Kunden bleiben.
Mit
TONI Voice richtet sich die RTG dagegen auf die telefonische Erreichbarkeit.
Die sprachbasierte KI kann in definierten Einsatzbereichen Anfragen außerhalb
der regulären Geschäftszeiten entgegennehmen, deren Inhalt erfassen und für die
spätere Bearbeitung strukturieren.
Natürliche
Sprache statt komplizierter Suchmasken
Weitere
Anwendungen befinden sich im Pilotbetrieb oder werden derzeit weiterentwickelt.
SmartSearch soll klassische Suchmasken mit zahlreichen Filtern teilweise durch
eine Suche in natürlicher Sprache ersetzen. Mitarbeiter oder Kunden könnten
ihre Wünsche damit ähnlich formulieren wie in einem Gespräch mit einem
Reiseberater.
Auch
innerhalb der RTG soll KI verstärkt eingesetzt werden. Der interne Assistent
AIRO und weitere Anwendungen unterstützen Mitarbeiter bei Recherche,
Textarbeit, Wissenszugriff und wiederkehrenden Aufgaben und können zugleich
Funktionen eines unternehmensinternen Wikis übernehmen.
Mehr
Zeit für Beratung und Verkauf
Thomas
Bösl, Geschäftsführer der rtk und Sprecher der QTA, sieht den strategischen
Wert von KI vor allem darin, Reisebüros von Routineaufgaben zu entlasten.
Entscheidend sei nicht die Zahl neuer Werkzeuge. Technologie müsse zusätzliche
Kundenkontakte ermöglichen und Mitarbeitern mehr Zeit für Beratung und Verkauf
verschaffen.
Damit
verbindet die RTG ihre KI-Strategie ausdrücklich mit der Wettbewerbsfähigkeit
des stationären Reisevertriebs. Automatisierung soll menschliche Beratung nicht
ersetzen, sondern Arbeitszeit für jene Tätigkeiten freimachen, bei denen
persönliche Kompetenz den größten Nutzen bietet.
Reisebüros
werden Teil der Entwicklung
Das
Future Lab soll deshalb ausdrücklich keine abgeschottete Entwicklungsabteilung
sein. Reisebüros und Mitarbeiter können Probleme aus ihrem Arbeitsalltag
einbringen und neue Anwendungen als Pilotnutzer testen. Ihre Erfahrungen sollen
unmittelbar in die weitere Entwicklung einfließen.
Gnyp
zufolge entstehen die besten Anwendungsfälle nur selten am Schreibtisch einer
zentralen Digitalabteilung. Die RTG wolle Technologien deshalb möglichst
gemeinsam mit den Reisebüros und nicht lediglich für sie entwickeln.
Auch
interne Abläufe der Gruppe werden einbezogen. Lars Helmreich, Geschäftsführer
von Reiseland und RT-Reisen, sieht Einsatzmöglichkeiten überall dort, wo KI
wiederkehrende Tätigkeiten vereinfachen, Wissen leichter verfügbar machen oder
Prozesse automatisieren kann.
Future
Lab öffnet sich für Entwickler und Technologiepartner
Neben
den eigenen Mitarbeitern und Reisebüropartnern will die RTG auch Entwickler,
Nachwuchskräfte und externe Technologiepartner in das Future Lab einbeziehen.
Sie erhalten Zugang zu realen Problemstellungen des touristischen Vertriebs und
können Lösungen unter den Bedingungen bestehender Systeme und Prozesse
entwickeln.
Zu
den nächsten Entwicklungsfeldern gehören der Ausbau sprachbasierter
Anwendungen, SmartSearch und KI-gestützte Beratung. Hinzu kommen agentische
KI-Systeme, die komplexere Aufgaben zunehmend selbstständig in mehreren
Schritten bearbeiten können, sowie eine stärkere Verzahnung künstlicher
Intelligenz mit vorhandenen Daten und operativen Systemen.
Das
Future Lab übernimmt damit innerhalb der Digitalstrategie der RTG die Rolle
eines Bindeglieds zwischen technischer Entwicklung und Reisebüropraxis: Neue
Ansätze sollen schnell ausprobiert und verbessert werden – und erst dann in
größerem Maßstab zum Einsatz kommen, wenn sie ihren Nutzen im Alltag bewiesen
haben.
Bildnachweis:
© KI-generierte Illustration
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